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Experten diskutieren über gute Pflege und gesellschaftliche Teilhabe im Alter

14.11.2017 12:57
Die Zahl der Pflegebedürftigen wird steigen, die Zahl der pflegenden Angehörigen sinken – und bereits jetzt spitzt sich aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und Imageproblemen der demografiebedingte Fachkräftemangel in der Pflege zu. Was also sollte in der neuen Legislaturperiode unternommen werden, um unsere Gesellschaft und damit auch die Pflege „demografiefest“ zu gestalten? Mit dieser Ausgangsfrage eröffneten die Moderatoren Amelie Fried und Jörg Thadeusz die Podiumsdiskussion im Rahmen der Berliner Pflegekonferenz.

Der prominente Pflegekritiker Claus Fussek, der das Thema Pflege zur „Schicksalsfrage der Nation“ machen möchte und Deutschland in einem „Zustand kollektiver Verdrängung“ sieht, wandte sich direkt mit einer Aufforderung an das Publikum: Niemand sollte während der Diskussion zur Toilette gehen, um zu erleben, wie es sich anfühlt, ein Grundbedürfnis nicht befriedigen zu können. Fussek, selbst pflegender Angehöriger, ist der Meinung, das „Pflegen in die Betten“ habe System. „Je schlechter Sie gepflegt werden, je immobiler und pflegebedürftiger Sie sind, desto mehr Geld kriegt man in diesem System – das ist gesetzlich legitim.“ Rehabilitation vor Pflege stehe lediglich auf dem Papier – die Praxis sehe anders aus. Sein Wunsch an die Pflegekräfte ist es, sich untereinander zu solidarisieren und Probleme gegenüber der Politik ehrlicher zu kommunizieren, berichtet Veranstalter spectrumK

Ganz ähnlich sieht das Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e. V. und laut Moderator Thadeusz „die graue Eminenz hinter der Politik von Ex-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt“. Auch er hat erlebt, dass sich bei angekündigten Besuchen von Politikern alle „in Höchstform“ präsentieren, statt auf Missstände hinzuweisen. Nur zehn Prozent der Pflegenden seien bisher organisiert. Die Gewerkschaften oder Pflegeverbände sollten als Interessenvertreter attraktiver werden und es sollte ein schnelleres, organisiertes Lernen aus guten Beispielen geben. Er wünscht sich einen Aktionsplan zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im Gesundheitswesen – und dass man notfalls auch gesetzlich konkretisiere, was in der betrieblichen Gesundheitsförderung zu tun ist. Geld sieht er nicht als Primärproblem. „Organisation, Personalausstattung, Schaffung eines ausreichenden Nachwuchspotenzials – das ist viel wichtiger, als nur über die Reallohnhöhe zu reden.“

Für die examinierte Altenpflegerin Sophia Warneke, Trägerin der Bronzemedaille WorldSkillsEurope, ist der Lohn – obwohl die Altenpflege 30 Prozent schlechter bezahlt wird als die Krankenpflege – ebenfalls nicht das wichtigste Thema. Vielmehr geht es ihr um Wertschätzung: „Ich mache meinen Beruf unheimlich gern, dennoch fehlen Pflegekräfte en masse – im stationären wie ambulanten Bereich. Wir brauchen dringend einen Imagewandel.“ Zu ihrem Beruf bekomme sie oft zu hören: „Das ist ja toll, aber ich könnte das nicht.“ Das sei für sie durch die Blume ein schlechtes Feedback.

„Pflege darf nicht nur bewahren"

Die stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Prof. Dr. Ursula Lehr, hat während des Wahlkampfs einen Fragenkatalog an die Politik formuliert zu allem, was alte Menschen betrifft. Zu ihren Kernforderungen zählt, den Pflegeberuf wieder attraktiv zu machen. Sie kritisiert zudem, dass Prävention und Rehabilitation in der Pflege zu wenig Beachtung finden. Der Begriff „gesund pflegen“ oder wenigstens „gesünder pflegen“ müsse wieder an Bedeutung gewinnen. Die Angehörigenpflege sollte besser gewürdigt und die Situation der Gepflegten verbessert werden.

„Pflege darf nicht nur bewahrend sein, sondern sollte immer einhergehen mit Prävention – mit dem Bemühen, die vorhandenen Fähigkeiten, die Selbständigkeit zu verstärken“, sagt Lehr. Derzeit würde erfolgreiche Pflege durch die Regression der Pflegestufe jedoch nicht belohnt, sondern bestraft. Lehr mahnt darüber hinaus an, dass ältere Menschen nicht nur als „die zu Betreuenden“ gesehen werden sollten. „Auch die Hochaltrigen wollen eine Aufgabe, sich um etwas oder jemanden kümmern. Sie fühlen sich in dem Moment nicht einsam, in dem sie selber etwas tun können.“

Mehr Kompetenzen für die Kommune

Der gesellschaftlichen Teilhabe älterer Menschen misst Kirsten Fründt, Landrätin im Landkreis Marburg-Biedenkopf, ebenfalls hohe Bedeutung bei – der Vereinsamung müsse etwas entgegengesetzt werden. Ihr Landkreis unterstützt daher Bürger- und Nachbarschaftsinitiativen vor Ort, die etwa dafür sorgen, dass ältere Menschen gemeinsam zu Mittag essen oder aufsuchende Unterstützungsleistungen bekommen. Auch Fründt hat klare Verbesserungsvorschläge: Da Pflege vor Ort in den Kommunen stattfinde, sollte diesen mehr Kompetenz eingeräumt werden. Darauf ziele das 3. Pflegestärkungsgesetz zwar durch zugestandene Beratungsleistungen ab, „aber tatsächlich konzeptionelle und Planungsleistungen sowie die entsprechende Finanzausstattung sind nicht umgesetzt worden“.

Einen Metablick auf das Thema Pflege gab schließlich der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Prof. Richard David Precht. Er kritisiert die Vorstellung, dass man alles spezialisieren muss. „Institutionen, in der nur Pflegebedürftige sind und Leute, die sie pflegen, sind selten Orte, die besonders inspirierend sind und zum Weiterleben motivieren.“

Seiner Meinung nach leben wir heute in einer Zeit, in der die Individualisierung der Menschen offensichtlich keinen Platz dafür lässt, die eigenen Eltern zu pflegen. Zwar sieht er die Gewinnorientierung von Pflegeheimen nicht als das alleinige Problem, jedoch dürfe diese nicht der einzige Maßstab sein – dann werde es inhuman. Um älteren Menschen eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu geben, hat Precht einen konkreten Vorschlag: die Einführung von zwei sozialen Pflichtjahren in Deutschland, eines nach dem Schulabschluss und das andere, bevor man in Rente geht. Letzteres mit der Einschränkung, weniger Stunden zu leisten und sich auch befreien lassen zu können. „Für nachfolgende Generationen ist das, was man dem Staat schuldet, immer weniger geworden. Aber es kann durchaus auch ein schönes Gefühl sein, seine Pflicht zu tun“, sagt Precht.

Das Thema Digitalisierung, über das der Philosoph zuvor bereits in seiner Key Note gesprochen hatte, kam auch in der Diskussionsrunde noch einmal auf. Precht nannte als Beispiel die Supermärkte der Zukunft, in denen keine Menschen mehr arbeiten werden – Roboter bestücken Regale, man zahlt bargeldlos an der Kasse. „Für meine Großmutter war das tägliche Einkaufen ein ganz wichtiger sozialer Akt, ein Event. Aber das verschwindet.“ Die Situationen, in denen man einfach so miteinander ins Gespräch kommt, würden seltener. Unter dieser „totalen Versteppung der Alltagskultur“ litten insbesondere alte Menschen. „Ich würde mir wünschen, dass man als Kommunalpolitiker sagen kann, ‚digitale Supermärkte ohne Menschen gibt’s bei uns nicht’“, so Precht. Eine Anregung von vielen, die die Besucher der Berliner Pflegekonferenz nach zwei intensiven Tagen mit nach Hause nahmen.

Weiterer Informationen finden Sie auf www.berliner-pflegekonferenz.de.

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