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Generationengerechte Finanzierung

24.06.2024 16:57
Im April ist Anne Kristina Vieweg zur neuen Geschäftsführerin des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV) berufen worden. Seit 2011 betreut sie beim Verband die pflegepolitischen Themen, zuletzt als Stellvertreterin des Geschäftsführers. Vieweg setzt auf eine generationengerechte Finanzierung der Pflegeversicherung durch Kapitaldeckung und Eigenvorsorge. Sie fordert eine Vereinfachung des Leistungsrechts und betont die Notwendigkeit flexibler Budgets zur besseren Unterstützung pflegender Angehöriger. Eine kapitalgedeckte Zusatzversicherung wird als tragfähige Lösung für die Zukunft betrachtet, jedoch müssten Politik und Öffentlichkeit die Bedeutung privater Vorsorge erkennen.

Frau Vieweg, Sie haben den Geschäftsbereich Pflege kürzlich von
Andreas Besche übernommen, der diesen im Jahr 2014 beim PKV-Verband installiert hat. Was steht auf Ihrer Agenda für den Start und im weiteren Verlauf Ihrer Amtszeit? Worauf wollen Sie Ihren Fokus setzen?

Ein wichtiges Thema ist für mich die Finanzierung der Pflegeversicherung. Um diese tragfähig und generationengerecht zu gestalten, müssen jetzt die Weichen gestellt werden. Der PKV-Verband hat dazu verschiedene Diskussionsvorschläge unterbreitet. Entscheidend sind dabei die Aspekte Kapitaldeckung und Eigenvorsorge.

Wenn man sich dem Thema Finanzierung widmet, darf man auch das Leistungsrecht nicht außer Acht lassen. Dieses muss dringend vereinfacht werden. Die leistungsrechtlichen Grundlagen für eine gute Versorgung sind im Prinzip schon vorhanden. Für die Versicherten muss es aber einfach, flexibel und transparent gestaltet werden.

Das Thema Pflegeversicherung ist in Politik und Gesellschaft gerade wieder sehr präsent. Bei der Vorstellung des DAK-Pflegereports Anfang April beispielsweise haben Andreas Storm und Prof. Klie eine negativere Finanzentwicklung der Pflegeversicherung prognostiziert als die, mit der die Politik respektive Bundesgesundheitsminister Lauterbach bisher gerechnet hat. Wie kann das aktuelle Pflegeversicherungssystem Ihrer Meinung nach nachhaltig finanziert werden, angesichts steigender Kosten und einer alternden Bevölkerung?
Eine nachhaltige Finanzierung muss auf Kapitaldeckung setzen. Das Umlageverfahren der sozialen Pflegeversicherung oder eine Finanzierung über Steuermittel sind nicht generationengerecht. Außerdem darf es im bisherigen System keine weiteren Leistungsausweitungen und keinen Ausbau der gesetzlichen Pflegeversicherung zur Vollversicherung geben. Dies würde die schwierige finanzielle Situation noch weiter verschärfen.

Wie kann die Pflegeversicherung flexibler gestaltet werden, um auf individuelle Bedürfnisse und unterschiedliche Pflegesituationen eingehen zu können?
Die Pflegeversicherung bietet den Versicherten bereits verschiedene Versorgungsformen, die sie an ihre jeweilige Situation anpassen können. Schwierigkeiten resultieren daraus, dass das System mit seinen zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten für die Versicherten zu undurchsichtig ist. Hier würde ein Budget, das flexibel eingesetzt und an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden kann, helfen.

Um die Pflegeversicherung nicht zu überfordern, dürfte es allerdings nicht monatlich vorab in maximaler Höhe als Geldleistung ausgezahlt werden. Es müsste weiterhin von der Inanspruchnahme bestimmter Leistungen abhängig sein. Außerdem müssten die pflegenden Angehörigen und andere informell Pflegende, die die Hauptlast der Pflege tragen, gestärkt werden. Für die Pflege, die sie erbringen, müsste im Rahmen des Budgets mehr Geld zur Verfügung stehen als bislang.

Der vom PKV-Verband initiierte Experten-Rat „Pflegefinanzen“, dem Prof. Dr. Jürgen Wasem vorsteht, hat die Diskussion ebenfalls aufgegriffen und einen Vorschlag erarbeitet, wie eine zukunftsfeste Finanzierung der Pflege gelingen könnte, die zugleich generationengerecht und bezahlbar ist. Wie finden Sie das Ergebnis?
Das ist ein ernstzunehmender und gut durchdachter Vorschlag für eine Finanzierung der Pflege. Er sieht die Einführung einer kapitalgedeckt finanzierten Zusatzversicherung vor. Weil eine Pflicht zur Versicherung vorgeschlagen wird, geht dies auch mit einem Annahmezwang für die Unternehmen einher. Versichert sind die beim Pflegebedürftigen verbleibenden pflegebedingten Eigenanteile in der vollstationären Pflege bis auf einen Selbstbehalt von 10 Prozent.

Die pflegespezifische Inflation wird einkalkuliert, um die Entwertung der Versicherungsleistungen zu vermeiden. Kinder sind prämienfrei versichert, und es ist eine Prämienhalbierung im Rentenalter vorgesehen – um nur die wichtigsten Eckpunkte zu nennen. Aber schon diese zeigen: Der Vorschlag ist sehr konkret und lässt sich in das bestehende Pflegeversicherungssystem integrieren. Das ist sehr vorteilhaft.

Wie tragen Sie die Empfehlung der kapitalgedeckten Zusatzversicherung als ergänzende Säule zur gesetzlichen Pflegepflichtversicherung nun an die Politik heran? Welche Reaktionen erwarten – und ernten Sie bereits?
Der PKV-Verband hat zuletzt mit der aktualisierten Assekurata-Studie zur Pflegezusatzversicherung aufgezeigt, dass schon heute mit bestehenden Tarifen die Absicherung des Pflegerisikos sinnvoll ergänzt werden kann. Darauf und auf die Möglichkeit der betrieblichen Pflegezusatzversicherung weisen wir schon seit längerem regelmäßig hin. Aus der Politik erhalten wir unterschiedliche Reaktionen. Aber es dürfte allen bewusst sein, dass hinsichtlich der Finanzierung dringender Handlungsbedarf besteht.

Muss auch das Bewusstsein und das Verständnis der Öffentlichkeit für die Bedeutung und Herausforderungen der Pflegeversicherung gesteigert werden, um die gesellschaftliche Akzeptanz einer privaten Zusatzversicherung zu erhöhen? Wie geht man das kommunikativ am besten an?
Ich habe den Eindruck, dass das Thema Pflege immer stärker in den Fokus rückt, was gut und wichtig ist. Es wird jedoch oft von dem Ziel einer Vollversicherung gesprochen. Es müsste deutlich gemacht werden, dass dies im Rahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht finanzierbar ist und daher in dem Rahmen auch nicht das Ziel von künftigen Pflegereformen sein kann. Dann ist jedem bewusst, dass die gesetzliche Pflegeversicherung entsprechend ihrer ursprünglichen Konzeption nur eine teilweise Absicherung des Pflegerisikos leistet und Eigenvorsorge erforderlich ist.

Wenden wir uns der strukturellen Ebene der praktischen Pflege zu: Welche Maßnahmen müssen Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um dem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal effektiv entgegenzuwirken und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern?
Es müssen Strukturen geschaffen werden, die mehr Pflege zu den Patienten bringen. Es muss also Bürokratie abgebaut werden. Pflegekräfte müssen Zeit für ihre eigentliche Tätigkeit haben. Wo es möglich und sinnvoll ist, sollte Technik eingesetzt werden, zum Beispiel für die Tourenplanung oder als digitale Dokumentationslösungen.

Welche Rolle spielen technologische Innovationen bei der Bewältigung von Herausforderungen in der Pflege und wie kann deren Integration in die Pflegepraxis gefördert werden?

Der gezielte Einsatz von digitalen Lösungen kann die Arbeit der Pflegekräfte effizienter gestalten. Für die Versicherten gibt es im Bereich der Hilfsmittel Möglichkeiten, durch Einsatz von Technik zusätzliche Hilfestellungen zu erhalten. Es muss allerdings auch die Wirksamkeit der technologischen Innovationen festgestellt worden sein. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die Technologien von den Pflegebedürftigen sowie ehrenamtlich und professionell Pflegenden akzeptiert und bedient werden müssen. Die Technologie muss auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Nutzer abgestimmt werden.

Wie kann die Qualität der Pflegeleistungen sichergestellt und kontinuierlich verbessert werden, um den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen gerecht zu werden?
Neben einer guten Aus- und Weiterbildung der Pflegekräfte sind die Qualitätsprüfungen ein wichtiges Instrument, um die Qualität sicherzustellen und zu verbessern. Denn die Medizinischen Dienste und Careproof, der Prüfdienst des Verbandes der Privaten Krankenversicherung, prüfen nicht nur, sondern beraten die Pflegeeinrichtungen auch.

Blicken wir zum Schluss auf die pflegenden Angehörigen, die das Fundament des Pflege-Systems sind. Wie können Angehörige besser in die Pflege eingebunden und unterstützt werden, insbesondere in komplexen oder langfristigen Pflegesituationen sowie zu Beginn einer Pflegesituation?
Zunächst ist die Pflegeberatung eine wichtige Hilfestellung. In der privaten Pflegepflichtversicherung bietet compass private pflegeberatung GmbH Pflegeberatung an, die gerade auch den pflegenden Angehörigen hilft und sie unterstützt. Den Versicherten und den pflegenden Angehörigen wird erläutert, welche Unterstützung sie bei der Pflege erhalten können, zum Beispiel durch die Inanspruchnahme eines Pflegedienstes, ehrenamtlicher Helfer oder einer Tagespflegeeinrichtung. Es werden ihnen auch die verschiedenen Leistungen der Pflegeversicherung erklärt.

Pflegekurse sind ebenfalls sehr hilfreich, um pflegenden Angehörigen wichtige Grundlagen für die häusliche Pflege zu erklären, zu zeigen und mit ihnen zu üben, zum Beispiel Körperpflege, Lagerungstechniken, rückenschonendes Arbeiten oder Umgang mit Demenzkranken.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Vieweg.