Sie sind hier: Startseite News Medicproof-Analyse: Pflegegrad 1 führt zu starkem Begutachtungsanstieg

Medicproof-Analyse: Pflegegrad 1 führt zu starkem Begutachtungsanstieg

21.06.2024 15:19
Der im Jahr 2017 neu geschaffene Pflegegrad 1 führe dazu, dass die Zahl der weniger in ihrer Selbständigkeit eingeschränkten Pflegebedürftigen deutlich zunimmt. Das ist ein zentrales Ergebnis einer Analyse aus Begutachtungsdaten* des Jahres 2023 sowie einer Befragung der über 1.200 für Medicproof tätigen Gutachterinnen und Gutachter. So stieg im Jahr 2023 der Anteil der Personen, die nach einem Erstantrag einen Pflegegrad 1 erhielten, auf 24 Prozent (2019: 20 Prozent).

Und dieses Wachstum finde ausschließlich im ambulanten Bereich statt. Hier habe sich in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl an Einstufungsgutachten verdoppelt – von 94.222 im Jahr 2014 auf 194.385 im Jahr 2023. Dagegen sei die Zahl der Begutachtungen in der stationären Versorgung mit 28.292 Einstufungsgutachten niedriger als zuvor (2014: 30.322). „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass pflegebedürftig nicht gleich pflegebedürftig ist“, unterstreicht Medicproof-Geschäftsführerin Dr. Franziska Kuhlmann. „Vielmehr hat sich die Spanne zwischen wenig und stark eingeschränkten Menschen durch die Reform 2017, in der drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt wurden, deutlich vergrößert.“

Die Ergebnisse der Datenanalyse zeigten, dass die Einführung des Pflegegrads 1 vor allem älteren Versicherten den Zugang zu Leistungen aus der Pflegeversicherung erleichtere. Versicherte Personen, die im Anschluss an eine Erstbegutachtung Pflegegrad 1 erhalten, seien bei der Antragstellung mit fast 79 Jahren im Durchschnitt die ältesten Pflegebedürftigen. Diese seien entgegen dem verbreitenden Bild von Pflegebedürftigkeit in vielen Bereichen noch selbständig, benötigten aber in manchen Bereichen der Selbstversorgung, primär der Haushaltsführung, Unterstützung. Pflegebedürftige mit Pflegegrad 1 lebten zu 99 Prozent allein oder mit mindestens einer anderen Person im eigenen Wohnumfeld. Sie würden weit überwiegend durch private Pflegepersonen gepflegt.

Laut der befragten Gutachterinnen und Gutachter erhofften sich die Pflegebedürftigen von einem Antrag primär finanzielle Unterstützung (66 Prozent). Eine Einbindung professioneller Pflege würde nur in geringem Maße nachgefragt (16 Prozent). Heilmittel und Reha-Maßnahmen spielten für die Versicherten bei Antragstellung keine Rolle (0 Prozent). Die Mehrheit der Versicherten verfüge über Heilmittel oder sei ausreichend versorgt (59 Prozent).

Über 80 Prozent der Gutachterinnen und Gutachter sehen keine Notwendigkeit, die Leistungen der Pflegeversicherung auf Personen auszuweiten, die aktuell keinen Pflegegrad erhalten. 36 Prozent sagten sogar, dass Personen mit Pflegegrad 1 keine Leistungen der Pflegeversicherung benötigten.

Das wissenschaftliche Dossier und die Ergebnisse der Gutachterbefragung sind auf der Medicproof-Website veröffentlicht.

*Analyse der Erstgutachten des Jahres 2023 (109.625 Gutachten), ohne Personen, die zwischen Antragstellung und Begutachtung verstorben sind.